
Ein neuer Kontinent, ein holpriger Start und ein Projekt
23. Oktober 2023Durchschnittliche Lesedauer: 19 Minuten
Einleitung
Der zweite Beitrag zu Australien. Wir befinden uns im ersten Quartal 2020. Covid ist in aller Munde. Unser Roadtrip erfährt eine Zwangspause. Dies ist das schwerste Kapitel meiner bisherigen Reisegeschichte. Erfahre in diesem Beitrag, wie wir den Beginn des Lockdowns gemeistert haben und wie ich schließlich meine Reise unterbrach, um in die Schweiz zurückzukehren. Viel Spaß beim Lesen.
Typisch Australien 2.0
Weitere Beobachtungen zu Australien:
- Das Wasser ist chlorhaltig. Gefiltertes Trinkwasser ist oft über einen separaten Wasserhahn verfügbar.
- Telefonkabinen, Pager und Funk (UHF) sind noch in Gebrauch.
- Ampeln sind auf der gegenüberliegenden Straßenseite platziert.
- In den Einstellhallen von großen Einkaufszentren findet man oft einen Autoreinigungsservice – eine wirklich gute Idee.
- Der Mullet, besser bekannt als der Vokuhila, ist ein Haarschnitt, der sich in Australien großer Beliebtheit erfreut. Wer sich näher dafür interessiert, kann gerne „Mullet“ googeln.
- Die australische Marke UGG mit den berühmten Stiefeln aus Schafsleder wird hier sowohl von Männern als auch von Frauen als Hausschuhe getragen.
- Neben der Fahrbahn findet man überwiegend kaputte Reifen und die Überreste überfahrener Wildtiere.
- Die Schlaglöcher auf den Hauptstraßen sind groß und es gibt viele davon. Manche Löcher sind so groß, dass man darin einen Gymnastikball versenken kann.
- In Großstädten sind die Umfahrungsstraßen entsprechend breit. 6+6 Spuren sind keine Seltenheit. Das Ansteuern der richtigen Ausfahrt fühlt sich dann oft an wie eine Szene aus „Mission Impossible“.
- Distanzen sind eine andere Liga. Es ist völlig normal, am Abend ins 1,5 Stunden entfernte Autokino zu fahren. Ein Wochenendbesuch bei den Eltern kann auch mal eine 4-stündige Fahrt hin und zurück bedeuten – ja, auch wenn es für das Wochenende von Sydney nach Melbourne 9 Stunden Fahrt bedeutet und dann 2 Tage später wieder zurück.
- Autos in Australien schaffen problemlos 350.000 Kilometer und mehr.
- Fußwege hören nicht selten einfach mitten in der Straße auf. Zebrastreifen gibt es danach auch nicht. Also läuft man halt über oder auf der Straße.
- Australier tragen immer und überall Sonnenhüte, Sonnenbrillen und meist Sonnencreme. Lange Hosen im Sommer sind auch keine Seltenheit – es sei denn, es handelt sich um Surfer. Das Risiko von Hautkrebs wird hier sehr ernst genommen.
Visarun
Mit meinem Tourist-Visa hatte ich das Recht, 12 Monate in Australien zu verweilen, musste aber alle 3 Monate aus- und wieder einreisen. Australien ist bekanntlich eine Insel, daher bedeutete der Visarun unvermeidlich, dass ich raus- und wieder reinfliegen musste. Obwohl es umständlich war, war es zu diesem Zeitpunkt die günstigste Lösung. Ich buchte den günstigsten Flug von Sydney raus und rein, was zu meinem Erstaunen Singapur war. Eine ordentliche Distanz, die ich knapp an einem Tag bewältigte. Für Singapur brauchte ich kein Visum, was den Ablauf vereinfachte.
Ich konnte das Auto bei einem Rennstall in Sydney parken. Dort angekommen, nahm ich den öffentlichen Verkehr zum Flughafen, bestieg den Vogel mit einem kleinen Rucksack und landete einige Stunden später am Flughafen von Singapur. Es war ein atemberaubender Flughafen, wenn nicht sogar der schönste der Welt. Nach der Passkontrolle wollte ich mich gleich wieder für meinen Rückflug einchecken. In der Zwischenzeit wurde dieser Flug gestrichen. Ein Ersatzflug in 8 Stunden wurde mir angeboten.
Während des Visaruns fielen mir die vielen Desinfektionsstationen auf. Zudem wurden vermehrt Masken getragen. Es war eine gewisse Unruhe in der Luft. Die Menschen an den Schaltern waren etwas schnippischer. Die Reisenden gestresst.
Es war bereits Abend in Singapur, und ich konnte die Stadt nicht wirklich erkunden. Außerdem würde ich dann am Abend in Sydney ankommen, und nachts fährt kein vernünftiger Mensch in Australien Auto aufgrund der Wildtiere auf der Fahrbahn. Ich sortierte Bilder, las einige Seiten in meinem eBook und hörte Podcasts. Wirklich schlafen konnte ich nicht. Nach einigen geschlagenen Stunden konnte ich dann endlich einchecken, boarden und landete am frühen Abend in Sydney. Für die Nacht in Sydney buchte ich mich in ein günstiges Hostel ein und machte mich frühmorgens auf den Weg nach Murrurundi. Das Ganze gestaltete sich also etwas aufwendiger als gedacht.
Beginn des Roadtrips und der Pandemie
Zurück und Murrurundi war CoVid zwar noch nicht das Thema Nr. 1, aber dennoch wurde immer wieder darüber gesprochen.
In den folgenden Tagen fingen dann die ersten Länder an landesweite Massnahmen einzuleiten. Darunter das Schliessen der Landesgrenzen. Auf diversen Plattformen für Reisende wurden täglich Infos zu den Reisebestimmungen der diversen Länder aktualisiert. Ab diesem Zeitpunkt fing ich an zu begreifen, dass vermutlich auch wir früher oder später davon betroffen sein würden.
Denise erledigte den Papierkram, wir reinigten das Zimmer, beluden das Auto und verabschiedeten uns von allem, bevor wir uns auf den Weg machten. Denise und teilweise auch ich hatten eine Reiseroute geplant, die uns von Murrurundi nach Adelaide bringen sollte und von dort der Küste entlang bis nach Cairns oder sogar Darwin führen sollte.
Die ersten Tage mussten wir uns an das Leben im Auto gewöhnen: Welche Abläufe machen Sinn, wie kochen wir, wie waschen wir uns – all das, was im normalen Alltag automatisch abläuft. Dazu kamen noch einige Pflichten wie das Auffüllen von Wasser, das Einkaufen und das Tanken. Wie viel Wasser würden wir wohl verbrauchen und wie weit reicht ein voller Tank? All das waren Dinge, die wir während der Reise in Erfahrung brachten.
Es fehlte auch ein Rückzugsort, ein Ort, an dem jeder jederzeit etwas Zeit für sich haben konnte.
Taronga Zoo in Dubbo
Grundsätzlich meide ich Zoos. Taronga Zoo behauptet, eine Auffangstation für Tiere zu sein, die in freier Wildbahn nicht überleben würden oder vom Aussterben bedroht sind, und hier vor Wilderei geschützt werden sollen. Darunter waren auch einige andere Tiere, bei denen ich mir nicht sicher bin, ob sie doch nur für neugierige Menschen wie uns gehalten werden. Beispielsweise Giraffen oder Geparden. Trotzdem war der Park eindrucksvoll. Vor Ort waren einige Ranger, die gerne Fragen neugieriger Touristen beantworteten. Aufgrund der Größe des Parks durchfährt man die verschiedenen Abschnitte und parkt neben den Attraktionen. Es war ein angenehmer erster Ausflug. Nach dem Parkbesuch suchten wir die nächste Wasserauffüllstation und fuhren dann zu unserem Übernachtungsplatz weiter.
Apps
Glücklicherweise gab es eine Camping-App namens WikiCamps. Mit dieser App konnten wir nach kostenlosen Übernachtungsmöglichkeiten suchen und gleichzeitig die nächstgelegenen Wasserstationen lokalisieren. Außerdem war es möglich, nach Duschmöglichkeiten zu filtern.
Für die besten Benzinpreise nutzten wir Petrol Spy, eine App mit nur einer Funktion: einer Karte, die Servos (Tankstellen) mit den aktuellen Benzinpreisen anzeigt.
Kaffee und Duschen
Den besten, bezahlbaren Kaffee fand ich an Tankstellen mit einem Coles Express-Shop. Dort gab es einen richtig guten Flat White für 1,50 AUD und einen Ice Coffee für 2,50 AUD – einfach herrlich.
Die besten Duschen fanden wir erstaunlicherweise an den sogenannten Trucker Roadhouses, Tankstellen mit Restaurants und Duschmöglichkeiten, primär für Langstrecken-Lastwagenfahrer gedacht. Diese Duschen waren die saubersten und modernsten, die ich auf der gesamten Reise gesehen habe. Oft waren sie besser als die Duschen in Hotels und definitiv besser als in jedem Hostel. Das mag überraschend klingen, hat aber eine logische Erklärung:
Die Lastwagen haben riesige Kraftstofftanks, die während des Stopps gefüllt werden müssen. Wenn die Lkw-Fahrer während ihres Zwischenstopps auch eine Mahlzeit einnehmen, gibt es für die Tankstellen viel Geld zu verdienen. Gelockt werden sie also mit sauberen Duschen und leckerem Essen. Dieses Konzept scheint also gut zu funktionieren.
Wir durften die Duschen oft kostenlos nutzen. Manchmal war das Duschen nach dem Tanken obligatorisch, und nur selten mussten wir 5 AUD für die Duschmöglichkeit bezahlen. Das war für uns in Ordnung, besonders nach einigen kalten Tagen, gab es nichts Besseres als eine warme Dusche.
Grey Nomads
Es ist nicht ungewöhnlich, dass Australier ihr gesamtes Hab und Gut verkaufen, um sich ein Wohnmobil oder einen Wohnwagen zuzulegen – im Grunde eine Wohnung auf Rädern – und damit durch Australien zu reisen. Oft tun sie dies über mehrere Monate, manchmal sogar über Jahre hinweg. Dieser Lebensstil wird hauptsächlich von älteren, pensionierten Australiern praktiziert, weshalb sie oft als Grey Nomads bezeichnet werden. Nomaden der älteren Generation, könnte man sagen.
Allerdings umfasst diese Lebensweise im Grunde alle Altersgruppen, einschließlich der Backpacker. Wir trafen Familien mit Kindern, die über zwei Jahre lang unterwegs waren und bereits zum zweiten Mal Australien umrundeten. Viele planen ihre Reise ohne ein festes Enddatum. Einige haben eine begrenzte Dauer von einem Jahr, aber alle haben ein mobiles Zuhause auf Rädern.
Ansprache des Premierminister
Das Gefühl, ausgeschlossen zu sein, ist unangenehm. Es ist unangenehm, nicht zu Veranstaltungen eingeladen zu werden, oder unfein aus einer Bar geschmissen zu werden. Doch aus einem Land hinausgeworfen zu werden, war eine völlig andere Erfahrung.
Der Premierminister hielt eine Ansprache an die Nation, indem er den Lockdown ankündigte und er alle Backpacker aufforderte, ihre Sachen zu packen und das Land zu verlassen. Es war eine unfeine Art der Behandlung. Dabei ist bekannt, dass die australische Landwirtschaft praktisch auf der Arbeit von Backpackern aufgebaut ist. Es ist ein offenes Geheimnis, dass viele Australier sich vor der harten Arbeit scheuen, und Feldarbeit ist sicherlich eine davon.
Massnahmen
Es war ein Wettlauf gegen die Zeit, als die Grenzübergänge zwischen den australischen Bundesstaaten geschlossen wurden. Wir schafften es gerade noch rechtzeitig vor der Mitternachtssperre von New South Wales nach Victoria zu gelangen. Doch in den vergangenen Tagen gestaltete sich das Campen äußerst schwierig. Viele Parks hatten geschlossen, Duschanlagen waren unzugänglich, und Einkaufsmöglichkeiten stark eingeschränkt. Australien verkündete täglich neue Maßnahmen, deren Umsetzung oft noch am selben Tag ab Mitternacht erfolgte. Diese kurze Vorlaufzeit machte es für alle schwierig, sich anzupassen, und sorgte immer wieder für Verwirrung. Wer das Update verpasste, riskierte am nächsten Tag nach dem Einkaufen „leicht übertrieben gesprochen“ verhaftet zu werden – es fühlte sich auf eine seltsame Art surreal und chaotisch an.
Parkranger
Wir hatten es in einen der letzten öffentlichen und offenen Nationalparks in Victoria geschafft – Mount Alexander, Victoria. Unser Plan war, hier einige Tage zu bleiben, bis uns entweder Wasser oder Lebensmittel ausgingen. Bisher war es für die Grey Nomads erlaubt, in einem Nationalpark zu verweilen, solange sie für sich selbst sorgen konnten. Doch nun war das ausnahmslos nicht mehr möglich.
Es war der 26. März 2020, morgens um 08:00 Uhr. Noch etwas verschlafen, bereitete ich mich darauf vor, mich zu waschen, als mich zwei Parkranger ansprachen. „Is this your car?“ fragten sie. „Yes, this is our home.“ Die Ranger waren überhaupt nicht zu Scherzen aufgelegt. „The government made an announcement last night that we have to shut down all parks in Victoria… you have 4 hours to leave this park, otherwise we will call the cops on you. Do you understand?“ Mir wurde ein Schreiben in die Hand gedrückt und klargemacht, dass wir den Park in den nächsten 4 Stunden verlassen müssen.
Das Gespräch verlief danach in etwa so: „Wo sollen wir hin, wenn alle öffentlichen Parks und Campingplätze geschlossen sind?“ Die vorprogrammierte Antwort: „Wir haben dafür keine Lösung. Öffentliches Campieren ist weiterhin verboten. Sie können die Polizei anrufen. Oder das Land verlassen…“.
Verzweiflungsversuch
Denise rief die Polizei an, schilderte unsere Situation und bat um Rat. Doch für unseren Fall gab es keine Lösung. Alle Grey Nomads mussten nach Hause gehen. Lustig, wenn man bedenkt, dass unser fahrbares Zuhause ja unser Zuhause ist.
Der Polizist umschrieb zwei Möglichkeiten für uns. Er beschrieb eine Route, auf der sie nach Wildcampern patrouillierten. Wir sollten uns jeweils mit einem Tag Abstand an den genannten Orten aufhalten. Falls wir erwischt würden, könnten wir ihn als Ansprechpartner angeben, sodass wir zumindest Probleme mit den Ordnungshütern vermeiden könnten.
Die andere Option war, auf Privatgrundstücken Zuflucht zu suchen. Auf Privatgrundstücken konnte uns lediglich der Besitzer des Grundstücks vertreiben, aber niemand würde uns aktiv verfolgen. Wir sollten nach Weideland Ausschau halten oder im Internet nach Bauernbetrieben recherchieren.
Wir waren auf der Flucht vor den Gesetzeshütern und hatten wenig Hoffnung auf eine gute Lösung. Ich dachte mir: Wo genau bin ich falsch abgebogen, um in diese missliche Lage zu geraten?
Jenny, Paul und Jessy
Es war Denise, die im Internet nach Bauernbetrieben suchte und anrief. Nach drei erfolglosen Versuchen verließen wir den Park und fuhren ziellos in der näheren Umgebung herum. Zufälligerweise fanden wir ein großes Eingangstor mit einem Schild und einer Mobilnummer darauf. Hinter dem Tor erstreckte sich ein großes Weideland mit Olivenbäumen und Schafen. Denise wählte die Nummer, und eine Stimme meldete sich: ‚Yes hello, who is speaking?‘ Es war Jenny. Denise erklärte unsere missliche Lage.
Nachdem Denise unsere Situation geschildert hatte, sprach sich Jenny mit ihrem Mann Paul ab. «Push the button on the right side of the gate and drive all the way up to the house. Watch out for the young dog Jessy.» Oben angekommen wurden wir von Jenny und Paul herzlich empfangen. Aufgrund von Covid-19 hielten wir etwa 3 Meter Abstand, da Jenny und Paul bereits in den späten 60ern waren und wir eine mögliche Ansteckung vermeiden wollten.
Jenny sagte dann: «This CoVid thing might take a while. We are going to upgrade your situation. You can stay in our Caravan. It has a bed, a small kitchen, and a table with a bench inside. Paul is going to set up the camping toilet and a portable shower with warm water for you.» Ich war den Tränen nahe und mir fehlten die Worte.
Wie könnten wir ihnen jemals danken? «Make sure you will do the same for someone else one day. Someone that is in need of help.» Das Gleiche für jemanden anderen tun, jemandem in der Not helfen – das war Jennys Wunsch. Ich werde es mir zu Herzen nehmen.
Beim Versuch, Paul und Jenny zu beschreiben, klingt es wie aus einem Buch. All die Geschichten, die sie uns erzählten und was sie erlebt hatten – man könnte eine Filmserie darüber drehen.
Paul
Aufgewachsen in schwierigen Verhältnissen, durchlebte Paul eine herausfordernde Kindheit. Schon in jungen Jahren ritt er mit dem Pferd zur Schule, was selbst damals ungewöhnlich war. Paul war ein bodenständiger Mensch. Auf den ersten Blick unscheinbar, aber äußerst praktisch begabt, erfahren und klug. Mit einem Auslosungsverfahren wurde er zum Militärdienst aufgefordert und schaffte die Selektion zur Spezialeinheit der SAS. Kurz bevor er in den Vietnam geschickt wurde, endete der Krieg und er wurde vorerst aus dem Dienst entlassen.
Seine berufliche Laufbahn war bemerkenswert vielseitig. Als Feuerwehraufseher für Buschbrände war er an vorderster Front im Einsatz, sowohl mit Helikoptern als auch Löschfahrzeugen. Noch heute engagiert er sich ehrenamtlich als Aufseher auf Feuertürmen.
Paul verfasste eines der ersten Handbücher über das Kajakfahren in Australien, dass wichtige Manöver und Sicherheitsprotokolle erklärt. Als „Industrial Engineer“, Maschinenbauingenieur im operativen Umfeld, löste er mechanische Probleme in der Elektroindustrie. Oft baute er eigene Spezialwerkzeuge und hatte die Fähigkeit komplex und abstrakt zu denken. Sein bevorzugter Drehmomentschlüssel war selbstgebaut – ohne Schnickschnack, rein mechanisch mit einem gewaltigen Hebel.
Nachdem er genug von der Industrie hatte, absolvierte er in seinen Fünfzigern ein Landwirtschaftsstudium, kaufte Weideland baute Haus und Stall und wurde sein eigener Chef. Paul und Jenny züchten Merino-Schafe für die Wolle, besitzen eine Olivenöl-Produktionsstätte und züchten neu auch Angus-Rinder.
Paul genoss abends ein oder zwei dunkle Biere und teilte gerne Geschichten aus seinem Leben. Bevor er ins Bett ging, löste er ein Sudoku, verbrachte Zeit mit dem Hund Jessy, bereitete den Brotteig vor, kontrollierte die Pager für die Feuerwachen, warf Holz in den Ofen und ging zu Bett.
Jenny
Dann gibt es noch die gewiefte Jenny. Nicht groß aber kräftig und keineswegs auf den Mund gefallen. Jenny ist sich für nichts zu schade. Sie half Paul auf dem Feld und war auch für das Essen und die Desserts verantwortlich. Jenny war eine leidenschaftliche Strickerin, hatte einen grünen Daumen und engagierte sich in verschiedenen Kommunen. Mit ihrem Uni-Abschluss in Mathematik war sie hauptsächlich als Lehrerin an Schulen tätig. Sie bildete das Gegenstück zu Paul und zusammen waren sie ein unschlagbares, eingespieltes Team.
Das Haus entwarfen sie gemeinsam und bauten es größtenteils selbst. Es ist so konzipiert, dass es ohne Klimaanlage auskam. In den kalten Monaten war die Wärme des Ofens jedoch sehr willkommen.
Jenny und Paul haben verschiedene Teile der Welt bereist und haben zwei einzigartige Kinder. Jessy ist das neueste vierbeinige Mitglied der Familie, sehr energiegeladen und sportlich, aber in seinen Bemühungen, die Schafe im Zaum zu halten, eher mäßig erfolgreich. Zu verspielt für diese Aufgabe. Eine wirklich außergewöhnliche Familie.
Ein Schlag in die Magengrube
Während Denise und ich unseren Alltag anpassten, plagte mich die Sorge um meinen Vater. Seine unheilbare Krebserkrankung ließ ihm nur noch wenige Monate bzw. Wochen. Die letzten Monate waren stabil verlaufen, doch sein Zustand verschlechterte sich zuletzt rapide. Nur noch wenige Wochen blieben ihm. Ich musste meine Rückreise planen.
Das Eidgenössische Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA) organisierte während dieser Zeit die bisher größte Rückholaktion für Schweizer aus aller Welt. Ich verpasste knapp den Flug von Melbourne in die Schweiz. Nach telefonischer Rücksprache mit dem EDA gab es keine weiteren Flüge von Melbourne oder Sydney.
«Pa geits nid guet. Oli, chum zrugg.», informierte mich meine Geschwister, während ich verzweifelt versuchte einen Flug in die Schweiz zu buchen. Qatar Airways bot als einzige Fluggesellschaft noch Flüge von Australien nach Zürich an – von Melbourne aus genau einen Flug pro Tag. Die Verfügbarkeit für die nächsten Tage betrug nur wenige Plätze für je 13’000$ AUS. Neue Flüge wurden um Mitternacht bestätigt. Vorbereitet wartete ich wiederholt bis Mitternacht, um mir schließlich für 1200$ den ersten bezahlbaren Platz im frühestmöglichen Flug zu sichern. Sechs lange Tage später saß ich im Flieger, wissend, dass mein Vater vor zwei Tagen verstorben war.
Meine letzten Worte in unserem letzten Telefongespräch waren: „Du warst der beste Vater, den ich mir hätte wünschen können. Danke, Pa.“
An dieser Stelle möchte ich dich bitten, deinen Liebsten eine kurze Nachricht zu schreiben und ihnen zu sagen, dass du sie liebst.